Arbeitsrecht und E-Commerce. Eine Einschätzung von Kira Falter.

Kira

Kira ist Anwältin in einer großen Wirtschaftskanzlei und beschäftigt sich ausschließlich mit Arbeitsrecht. Dafür aber mit allen rechtlichen Facetten, die der Arbeitsalltag zu hergibt. Für uns schaut sie dieses Mal, wie das Online Shoppen die Arbeitswelt verändert.

Der Frühling kommt… oder auch nicht und eigentlich wäre es mal wieder Zeit, eine gediegene Shopping-Runde einzulegen und mich selbst ein bisschen zu beschenken ;)! Und wo könnte das an einem verregneten Kölner März-Tag besser stattfinden als gemütlich mit Tee und Kirschkernsäckchen auf meiner Couch zu Hause? Gut, dass die Auswahl in den Online-Shops sowieso viel größer ist als in den Läden der Innenstadt und man noch dazu fast immer irgendein Schnäppchen macht – auch ohne Schlacht am Wühltisch!

Aber wem erzähle ich das – wir tun es ja (fast) alle. Online-Shopping kommt uns einfach entgegen! Was aber sind die Konsequenzen und Begleiterscheinungen von vermehrtem Onlineshopping aus der Perspektive des Arbeitsrechts?

Flexibilisierung von Arbeitszeiten- und plätzen

Die Tendenz hin zum Online-Shopping bringt auf Seiten der im E-Commerce tätigen Unternehmen – und damit einhergehend deren Beschäftigten – eine immer weiter reichende Flexibilisierung mit sich. Und die reicht
von A wie Arbeitszeiten über P für Produktionsspitzen bis hin zu Z wie Zeitarbeit: statt „klassischer“ 9 to 5-Jobs, die im Zuge der aktuellen Entwicklungen im sogenannten „Arbeitsrecht 4.0“ ohnehin an Bedeutung verlieren, beschäftigen die Unternehmen ihre Mitarbeiter häufig in Zeitarbeit, Teilzeit- und Minijobs und verlangen ihnen teils eng getaktete und auf höchste Effizienz getrimmte Schichtarbeit ab.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Die Unternehmen sind natürlich auf größtmögliche Effizienz ausgerichtet und wollen sich durch einen umfassenden Service am Markt behaupten und möglichst viele Kunden generieren. Doch auch unsere Erwartungen an das Shopping im Internet sind gestiegen. So soll die gekaufte Ware möglichst schnell bei uns ankommen, im besten Fall noch am gleichen Tag. Das wünschen wir uns insbesondere auch in der Weihnachtszeit, wenn der Vorsatz, die Geschenke diesmal übers Jahr verteilt zu besorgen einmal mehr im vorweihnachtlichen Last-Minute-Shopping im Internet geendet hat. Die Erfüllung dieses Wunsches hat natürlich zur Folge, dass in dieser Zeit saisonal mehr Mitarbeiter benötigt werden. Bei Fragen oder Beschwerden zu einem gekauften oder auch nur interessanten Produkt ist es vielen wichtig, auch an Sonn- und Feiertagen eine telefonische Auskunft bekommen zu können.

Arbeitsbedingungen

Auch nach der Einführung des Mindestlohns werden die in der E-Commerce-Branche beschäftigten Mitarbeiter im Verhältnis zu den hohen Anforderungen, die an sie gestellt werden, laut Medienberichten häufig nicht sehr gut entlohnt. Oft arbeiten sie unter hohem Zeit- und Leistungsdruck, nachts und am Sonntag. Hierbei wird bemängelt, dass es für den Bereich des E-Commerce keine passenden Tarifverträge gibt, worauf in jüngerer Vergangenheit die Aufmerksamkeit der Medien unter anderem durch die Streiks bei Amazon gelenkt wurde.

Arbeitsrechtliches Spannungsfeld

Im Spannungsfeld mit dem Arbeitnehmerschutz und möglichst guten Arbeitsbedingungen ist die Gefahr der Verlagerung weiterer Jobs ins Ausland und nicht zuletzt die Einsparung durch den Einsatz von Maschinen und Robotern zu nennen. Das weitreichende Verbot der Sonntagsarbeit in Callcentern hat beispielsweise zur Folge, dass der Wunsch vieler Kunden, sonntags telefonische Services der Onlineshops in Anspruch zu nehmen, nicht durch in Deutschland ansässige Mitarbeiter erfüllt werden kann. Da dieses Bedürfnis bei den Konsumenten aber tatsächlich besteht, erwächst für Unternehmen ein Anreiz, die sonntägliche Tätigkeit ins Ausland zu verlagern, wo die Sonntagsruhe weniger stark geschützt ist als in Deutschland. Dass es nicht besonders effizient ist, das Callcenter von Montag bis Samstag im Inland und nur am Sonntag – von anderen Mitarbeitern – im Ausland betreuen zu lassen und es daher nahe liegt, die Tätigkeit in Gänze ins Ausland zu verlagern, bedarf wohl kaum einer Erwähnung. Zudem ersetzen Unternehmen Arbeitsplätze immer häufiger durch Maschinen, die die Arbeit vornehmen, die bisher von Menschen verrichtet wurde. Wie viele Jobs dies mittelfristig aber tatsächlich kosten wird, bleibt abzuwarten, denn gleichzeitig bringt die maschinenbasierte Arbeit auch neue Arbeitsplätze mit sich. Dies betrifft aber – jedenfalls nach derzeitigem Wissenstand – eher hochqualifizierte Tätigkeiten/Jobs für Ingenieure und Programmierer. Ob sich unsere Arbeitswelt durch den E-Commerce wirklich spürbar ändern wird, ist schwierig abzuschätzen. Bereits jetzt ist aber klar, dass die Verlagerung des Einkaufens von den Innenstädten in das Internet eine Anpassung vielerlei arbeitsvertraglicher Regelung erforderlich machen kann. Wie so oft lassen die Gesetze Arbeitgeber und Arbeitnehmern dabei jedoch nur einen begrenzten Spielraum, innerhalb dessen die Beteiligten Lösungen entwickeln müssen, die den geänderten tatsächlichen Rahmenbedingungen möglichst Rechnung tragen.